﻿{"id":46,"date":"2014-12-31T23:48:19","date_gmt":"2014-12-31T22:48:19","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.im-geisterhaus.de\/?p=46"},"modified":"2016-02-07T00:25:43","modified_gmt":"2016-02-06T23:25:43","slug":"der-mond-ein-maerchen-neumond-phase-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/geschichten.im-geisterhaus.de\/?p=46","title":{"rendered":"Der Mond &#8211; Ein M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">In einem weit entfernten Land, wanderte einst ein Zauberer. Sein Herz war schwarz von Trauer, in seinem Arm lag in einem sorgf\u00e4ltigen B\u00fcndel seine tote Tochter, die niemals einen Blick auf diese Welt hatte werfen k\u00f6nnen. Es war genauso Nacht gewesen, wie bei jedem anderen Kind davor. Von der Dunkelheit des Mutterleibs, \u00fcber den schlecht beleuchteten Planwagen unter die feuchte Erde. Kein Licht fiel je auf seine Kinder, nicht einmal die Reflexion des Mondes. Es waren winzige, farblose Leiber, denen er in der Dunkelheit &#8218;Adieu&#8216; sagte, so lebendig wie die Felsen um ihn herum und dieses Mal f\u00fchlte er wie etwas in ihm brach, wie etwas vor Belastung, vor M\u00fcdigkeit und andauernder Qual nachgab.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Da trat ein Wolfshund aus dem Dickicht, ihn zu begleiten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eF\u00fcrchte dich nicht und hab Vertrauen. Was dir auch immer hier widerf\u00e4hrt, es hat doch Sinn. Kannst du ihn auch im Moment nicht fassen, so gibt es doch jemanden, der deine Schritte lenkt, der etwas mit dir vorhat. Nichts geschieht Grundlos.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eEin solches Vertrauen in seinen Herrn steht dem Hund. Sie vertrauen ihm noch, w\u00e4hrend sie erschlagen werden. Aber was f\u00fcr einen Herrn haben die Menschen?\u201c, erwiderte der Zauberer.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Es konnte nicht richtig sein, dass ein Kind starb, ohne einen einzigen Blick auf diese Welt, ein einziges Mal Luft geschmeckt zu haben. Fr\u00fcher hatte er an Kontraste geglaubt, dass die Realit\u00e4t zu gleichen Teilen aus Licht und Schatten gebildet sei. Leben und Tod, so hie\u00df es, m\u00fcssen die Welt gemeinsam gestalten. Leiden geb\u00e4rt Gl\u00fcck und umgekehrt und er war immer bereit gewesen, klaglos all die schlechten Zeiten mit seiner Frau an seiner Seite zu ertragen, denn sie sagten, auf eine dunkle Nacht, folgt auch wieder ein Tag und auf einen Tag, muss die Nacht folgen und als Zeichen, dass sie immer auch wieder weichen w\u00fcrde, galt der Mond, denn sein Licht kommt in Wahrheit von der Sonne. Aber aus einem lange gehegten Zweifel wurde jetzt die Gewissheit, dass dieses Gleichgewicht eine L\u00fcge war. Ein Betrug an ihm und seiner geliebten Frau, deren Nacht ewig war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Er jagte den Hund von sich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Da trat ein Schakal aus dem Dickicht, ihn zu begleiten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eEs stimmt, du bist niemandes Knecht. Der Mensch schafft selbst die Regeln, nach denen es ihm zu leben beliebt. Und du bist ein Magier. Ihr Tod muss keine Bedeutung haben!\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eEs ist wahr.\u201c, sprach der Zauberer, \u201eIch k\u00f6nnte ihr wieder Leben einhauchen. Aber es ist nicht erlaubt.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eWas scheren dich Verbote einer Welt, die Falsch ist?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eNichts, Schakal.\u201c, sprach der Zauberer, \u201eAber es w\u00e4re nicht zum Wohl meiner Tochter. Es gibt keinen Weg sie zur\u00fcck zu holen, jedenfalls nicht ganz. Sie w\u00e4re nur ein Schatten. Was w\u00e4re ich f\u00fcr ein Vater? Geh!\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Und der Schakal blieb zur\u00fcck.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Er erreichte den Fluss und kniete an seinem Ufer nieder. Das Wasser war Tief und Dunkel und ihr Grab.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Es gab niemanden zur Verantwortung zu ziehen. Von Niemandem konnte er eine Erkl\u00e4rung verlangen oder gar Vergeltung. Aber auch keine Vers\u00f6hnung, kein Vertrauen, keine Akzeptanz. Sowenig wie Protest, Auflehnung, Rebellion. Es gab Nichts.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Und dann hatte er eine Welt satt, die keine Hoffnung, keine Wunder zulie\u00df, sondern nur endlosen Abschied, noch vor dem ersten &#8218;Hallo&#8216;. All das Sch\u00f6ne durfte hier nur tr\u00fcgerische Illusion sein. Magie war ein billiger Trick auf seiner B\u00fchne, wenn er seine Frau vor aller Augen verschwinden lie\u00df und er hatte es satt, ein L\u00fcgner zu sein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Da zog eine Krabbe langsam die Uferb\u00f6schung entlang.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eEs gibt noch einen Weg, Zauberer.\u201c, begann sie, \u201eDu konntest nie Zeit mit ihr verbringen, aber die Ewigkeit geh\u00f6rt euch. Lass deine Tochter nicht allein hier in der K\u00e4lte und der Dunkelheit. Leg dich mit ihr zur Ruhe. Du siehst so m\u00fcde aus und hast du nicht genug gesehen? Kann deine Wanderung hier nicht ein sch\u00f6nes Ende finden?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Der Zauberer sah in die Dunkelheit einer Neumondnacht. Vor dem Licht war die Dunkelheit gewesen. Nein, Licht war eine Illusion, nur die Dunkelheit echt. Die Nacht war alles, ins Wasser zu steigen, f\u00fchlte sich an, wie einer lang verlorenen Heimat n\u00e4her zu kommen. Er glaubte nicht mehr an das Gleichgewicht, er wusste nicht mehr, was er glauben sollte. Es wollte es zufrieden sein, wenn es dunkel blieb und Still wurde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Aber auch das durfte nicht sein. Die Welt hatte sich nicht nur gegen ihn verschworen, auch gegen seine Frau. Unm\u00f6glich sie allein in der Dunkelheit zu lassen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Er tauchte wieder auf, vertrieb die Krabbe, die ihm vom Ufer aus zugeguckt hatte und blieb ersch\u00f6pft dort liegen. Starrte in diese lichtlose Nacht.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Der Mond war ein Blender! dachte er pl\u00f6tzlich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Wieso war dieser taube Felsen \u00fcberhaupt dort oben? Welchen Zweck hat es, dem Tag seine sch\u00f6nen und seine dunklen Stunden zu geben, welchen Sinn hat das Rotieren der Erde, das f\u00fcr den Winter, aber eben auch f\u00fcr den Sommer sorgt? Alles scheint so gerecht geordnet. All diese Gesetzte&#8230; Welchen Sinn haben sie, wenn sie uns \u00fcbersehen, wenn wir nur die Nacht bekommen? Warum, ist er da oben und schickt uns das Licht der Sonne, dass wir nie erhaschen d\u00fcrfen?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Als er sprach, war unklar zu wem. Vielleicht ahnte er, dass der Hund und der Schakal und auch die Krabbe noch in der N\u00e4he waren und leise auf seine Entscheidung horchten, vielleicht dachte er auch nicht daran und lie\u00df seine Stimme in einer seelenlosen Welt verhallen:<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eStell dir vor, der Mond w\u00fcrde nach Neumond nicht wieder erscheinen. Stell dir vor, all die Regelm\u00e4\u00dfigkeiten des Lebens, all das auf und ab, Nacht und Tag, Sommer und Winter, Leben und Tod, w\u00fcrden in Frage gestellt, so wie der Tod das Leben im Scho\u00df meiner Frau in Frage stellt, immer und immer wieder? Stell dir vor, der Mond w\u00fcrde fort bleiben und die Nacht w\u00e4re wirklich schwarz. Stell dir vor, nur f\u00fcr einen einzigen Moment, w\u00e4ren die Gesetzte zu brechen, die uns auferlegt sind und wir w\u00e4ren, f\u00fcr diesen einen Augenblick, wirklich frei&#8230;\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Er ballte die F\u00e4uste im feuchten Ufergras und wusste endlich, was er tun w\u00fcrde. Der Mond w\u00fcrde endlich sein Versprechen einl\u00f6sen und er, der Zauberer, w\u00e4re kein L\u00fcgner mehr.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">\u201eUnd dann?\u201c, Maro starrte seine Mutter ungl\u00e4ubig an, die sich zur\u00fcck lehnte, als w\u00e4re alles erz\u00e4hlt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eMehr wei\u00df man nicht. Der Zauberer verschwand und die Tiere konnten ihm nicht folgen. Aber nach Neumond blieb der Mond verschwunden.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Maro verzog das Gesicht \u00fcber das unbefriedigende Ende.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eDu siehst\u201c, setzte seine Mutter neu an, \u201edass der Mond nicht mehr zu sehen ist, ist nicht traurig. Es bedeutet, dass nichts unm\u00f6glich ist f\u00fcr uns Menschen, auch wenn die Welt manchmal voller Grenzen scheint. Wir \u00fcberwinden sie.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eWas hat der Zauberer mit dem Mond gemacht?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Sie strich ihm \u00fcber sein Aschblondes Haar.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eDas wei\u00df nur er und vielleicht noch seine Frau. Vielleicht hat er ihn ja behalten, ihr zum Geschenk gemacht. Vielleicht k\u00fcmmern sie sich um ihn anstelle eines eigenen Kindes?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eDas w\u00e4r ja eine komische Familie!\u201c, lachte Maro.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> \u201eJa, das w\u00e4re sie.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Sie k\u00fcsste ihm die Stirn und deckte ihn zu.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\"> Als sie das Licht ausmachte, kam ihr Mann leise heran. Gemeinsam betrachteten sie den Jungen im Schlaf. Seine Haut war so wei\u00df, dass sie im Dunkeln leicht zu schimmern schien. Ein Geheimnis, dass sie sicher zwischen sich verwahrten.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem weit entfernten Land, wanderte einst ein Zauberer. Sein Herz war schwarz von Trauer, in seinem Arm lag in einem sorgf\u00e4ltigen B\u00fcndel seine tote Tochter, die niemals einen Blick auf diese Welt hatte werfen k\u00f6nnen. Es war genauso Nacht gewesen, wie bei jedem anderen Kind davor. 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