﻿{"id":201,"date":"2017-04-18T19:01:59","date_gmt":"2017-04-18T18:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.im-geisterhaus.de\/?p=201"},"modified":"2022-05-12T00:45:52","modified_gmt":"2022-05-11T23:45:52","slug":"die-porzellanfresserin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/geschichten.im-geisterhaus.de\/?p=201","title":{"rendered":"Die Porzellanfresserin"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000080;\"><em>Man kann sie vom Fenster aus sehen zur Essenszeit. Eine d\u00fcrre Frau im Regen, die Arme in ihren langen Mantel verkeilt. Sie sieht durch die Fenster, von ferne, sie kommt ihnen nicht zu nah. Sie starrt auf die Tische, voller Sch\u00fcsseln und Teller und Tassen und Schalen. Man k\u00f6nnte sie f\u00fcr eine hungrige Obdachlose halten.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><em>Woher sie stammt wei\u00df niemand. Ich sah sie in den Niederlanden, nah am Meer, aber weit weg von den gro\u00dfen St\u00e4dten und Zentren. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass sie den freien, vorhanglosen Blick mag, den sie in diesem Land in die Stuben hat, direkt in die K\u00fcchen und Esszimmer.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ich hatte es wieder ganz vergessen. Es war nur eine Randnotiz, buchst\u00e4blich, denn ich schrieb die Geschichte auf, als ich sie h\u00f6rte, dann wollte mir nicht der richtige Rahmen f\u00fcr diese interessante kleine Anekdote einfallen und so verwarf ich jeden weiteren Gedanken daran. Und die halbfertige Geschichte, deren erste Zeilen ihr gerade gelesen habt, ruhte als tote Sch\u00f6nheit sicher und ungest\u00f6rt auf meiner Festplatte und wartete auf die richtigen Umst\u00e4nde, die ihr Leben einhauchen w\u00fcrden. Ob diese Zeit gerade jetzt gekommen ist, wei\u00df ich nicht, aber jedenfalls ist die Randnotiz seit heute etwas l\u00e4nger. Aber beginnen wir von Anfang an.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ich sah sie \u2013 wie gesagt \u2013 selbst. Fand sie im Winter eines neuen Jahres in den Niederlanden, die man von uns aus gesehen schnell erreichen kann, am Rande eines zum Hotel umgebauten Anwesens im Stile des 19. Jahrhundert. Es dauerte noch bis der Sommer die Touristen in Horden an die K\u00fcste treiben und auch dieses Hotel wach k\u00fcssen w\u00fcrde. Jetzt lag das Anwesen verschlafen und melancholisch da. Der Wintergarten erinnerte an einen Glassarg. Wir befanden uns in einer Region, die beinahe eine Insel war, so eingeschlossen vom Meer und der Wind heulte an diesen rauen Tagen frei und eisig \u00fcber das Land und riss an den B\u00e4umen und Str\u00e4uchern, bevor es ihn wieder auf das Meer hinaus zog. Es war k\u00fchl in den Zimmern, egal was man tat und d\u00fcster und sch\u00f6n. Mit spitzen Fingern klopfte der Regen unabl\u00e4ssig gegen die Fenster und ein dunkles Grollen drang von drau\u00dfen herein. Der Wintergarten war morgens der Fr\u00fchst\u00fccksraum und man konnte den Blick \u00fcber die weite Parklandschaft streifen lassen, die zu dieser Jahreszeit aber aus B\u00e4umen bestand, die ihre skelettarme im Winde tanzen lie\u00dfen und aus Gras in einem ungesunden, blassen gr\u00fcn, dass schwer vom Regen sich fast schon im Schlamm verkroch. Alles vor einer grauen Kulisse, angenehm zu beobachten mit einem warmen Kaffee in seinen H\u00e4nden und dem Wissen, dass man den \u201etollen Tagen\u201c zuhause entkommen war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">In dieser Landschaft bemerkte ich sie, zwischen zwei Birken, zuerst dachte ich, sie w\u00e4re ein Spazierg\u00e4nger, der das Wetter untersch\u00e4tzt h\u00e4tte, aber trotzdem nicht vom einmal gefassten Plan, den Garten zu erkunden, ablassen wollte. Sie hatte den Mantel fest an sich gedr\u00fcckt und es war ja auch zu sehen, dass es drau\u00dfen kalt sein musste. Ich beobachtete sie nicht n\u00e4her und dachte auch nicht an sie. Da bemerkte meine Begleitung in diesen Tagen, wie schnell und dennoch dezent, hier die Tische aufger\u00e4umt wurden, nachdem G\u00e4ste den Wintergarten verlie\u00dfen. Und tats\u00e4chlich konnte man beobachten, wie sehr schnell und nahezu lautlos jemand herein kam, das Geschirr auf ein Tablett verr\u00e4umte und dann genauso wieder verschwand. Nat\u00fcrlich geht man davon aus, dass es sich um Personal handelt. Es war eine gro\u00dfe, blasse Frau und nichts schien seltsam an ihr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Das wiederholte sich w\u00e4hrend das Fr\u00fchst\u00fcck sich langsam verlief. Drau\u00dfen war es grau und windig und niemand war mehr unterwegs. Als sich meine Blicke mit der, der Servicedame trafen, war ich mir fast sicher, dass ich sie eben noch drau\u00dfen gesehen hatte, obwohl das ja nicht m\u00f6glich war. H\u00e4tte sie eben noch weitab im Regen gestanden, zwischen den Birken und mit ihren gro\u00dfen Augen, wie hungrig, in den Wintergarten gestarrt, dann k\u00f6nnte sie ja jetzt nicht unangetastet von Wind und Wetter als Bedienung arbeiten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Das alles ist letztendlich nicht seltsam und ich gebe\u00a0 zu meiner Fantasie erlaubt zu haben sich mit dem Nordseewind durch die winterliche Landschaft treiben zu lassen. Ich habe mir ihre d\u00fcrre Gestalt, ihre glasigen, fremden Augen und ihren lautlosen Gang etwas zu sehr zu Herzen kommen lassen und gerne Dinge gesehen, die garnicht zu sehen waren. Selbst wenn man bedenkt, dass sich sp\u00e4ter am Tage heraus stellte, dass jemand das komplette Porzellangeschirr des Hotels entwendet hatte, dann war sie immer noch eine gew\u00f6hnliche, wenn auch dreiste, Diebin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Und auch, als wir an unserem letzten Tag h\u00f6rten, dass das Geschirr gefunden wurde, im Garten zertr\u00fcmmert an den \u00fcberwucherten Steinb\u00e4nken, dann war sie eben keine Diebin, sondern eine immer noch gew\u00f6hnliche, wenn auch dreiste, Vandalin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">H\u00e4tte unsere Fantasie diese Reise lang nicht selbst einige Reisen unternommen und wir im Wintergarten nicht an einem Abend von der seltsamen Feengestalt geh\u00f6rt, die man \u201ede eter van de porselein\u201c nennt \u2013 wir \u00fcbersetzten es mit \u201edie Porzellanfresserin\u201c \u2013 h\u00e4tte mich wohl nichts hiervon vor die Tastatur getrieben. Aber dann h\u00f6rten wir dies, wie ich es schon andeutete, und es jetzt mitteile, Wort f\u00fcr Wort:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><em>Man kann sie vom Fenster aus sehen, zur Essenszeit. Eine d\u00fcrre Frau im Regen, die Arme in ihren langen Mantel verkeilt. Sie sieht durch die Fenster, von ferne, sie kommt ihnen nicht zu nah. Sie starrt auf die Tische, voller Sch\u00fcsseln und Teller und Tassen und Schalen. Man k\u00f6nnte sie f\u00fcr eine hungrige Obdachlose halten.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><em>Meistens bemerkt man sie nicht, aber kann man sie sehen und erkennt sie doch nicht, f\u00fcr das, was sie in Wahrheit ist, so wird man es bald bereuen. Denn ist man herzlos und will die Bettlerin verjagen, so bringt sie dem ganzen Haus Pech und am n\u00e4chsten Tag ist vielleicht das komplette Geschirr zertr\u00fcmmert. Aber will man etwas Gutes tun und l\u00e4dt sie zu sich an den Tisch, so wird sie nicht essen und nicht trinken, aber mit der Zeit, wird man bemerken, dass immer weniger von dem guten Geschirr im Schrank ist und eines Tages, wird alles verschwunden sein. Manchmal wird danach, wie zum Dank, eine kleine, zierliche Porzellanpuppe im nun leeren K\u00fcchenschrank liegen und von da an, wird niemals wieder Geschirr im Hause kaputt gehen.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Was f\u00fcr eine seltsame Feengeschichte. Ich stellte mir die d\u00fcrre Frau vor, wie sie Nachts im Wald hockte, umgeben von feinem, gestohlenen Porzellan, das vom fahlen Mondlicht in der Dunkelheit schimmerte, eine zierliche Untertasse zwischen ihnen Fingern die sie mit feinen, langen, spitzen Z\u00e4hnen sorgf\u00e4ltig zernagte und zufrieden a\u00df.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Merkw\u00fcrdig schauerlich und gleichzeitig harmlos. Wir vermuteten Verwandtschaft mit der Legende der Zahnfee, oder dass diese seltsame Geschichte vielleicht von weit her kam und mit dem Porzellan selbst seinen Weg vor langer Zeit aus China fand.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Wie auch immer: Dies ereignete sich, wie gesagt, w\u00e4hrend bei uns der Karneval seine Spur der zwanghaften Fr\u00f6hlichkeit durch die Innenst\u00e4dte zog. Zur\u00fcck in der Heimat lie\u00df mich nichts mehr aufhorchen. Ich ging meinem Alltag nach, versuchte kurz Kaffee zu fasten, aber gab nach zwei Tagen heftigster Entzugskopfschmerzen auf. Vielleicht sah ich beim Spazieren oder Einkaufen irgendwann eine d\u00fcnne, blonde Frau, deren Augen mir bekannt vorkamen auf der Stra\u00dfe. Vielleicht sah ich mal bei Nacht aus dem Fenster und sah jemand hochgewachsenen im Regen stehen, versuchend meine K\u00fcchenvorh\u00e4nge mit dem Blick zu durchbohren. Vielleicht waren da auch nur die \u00fcblichen Heimkehrer, Spazierg\u00e4nger, Nachbarn die ihre Hunde rausf\u00fchrten und Niemand seltsames erregte meine Aufmerksamkeit und sorgte f\u00fcr ein D\u00e9j\u00e0-vu. Ich bin mir nicht sicher. Ich war nicht mehr an der Nordsee und das fantasieren bleibt Zuhause auf der Strecke. Ganz davon abgesehen, dass meine Kaffeetassen mitnichten aus Porzellan sind. Wer hat so etwas schon noch im Haus?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die ersten warmen Tage werden von den Nachbarn \u00fcber mir und unter mir gerne f\u00fcr eine gro\u00dfe Gartenparty genutzt. Ich hatte dieses Jahr keine Zeit, aber als ich sp\u00e4ter h\u00f6rte, wie auch mancher Spazierg\u00e4nger aus der Nachbarschaft eingeladen wurde, sich dazu zu gesellen und lange noch gewitzelt wurde, dass manche der fremden Besucher scheinbar nur zum Glotzen sich dazu setzten, aber auch nach mehrmaliger Aufforderung nichts a\u00dfen, da dachte ich an die Fastenzeit und das Manche sie nun mal ernster nahmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Das alles fiel mir nur heute wieder ein, als ich w\u00e4hrend der Vorbereitungen f\u00fcr ein Ostertreffen mit der Familie die Kiste mit dem guten Geschirr vom Speicher holen wollte und sie seltsam leicht war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ich sah den Aufkleber \u201eVorsicht: Porzellan\u201c und war im ersten Moment noch so rational mich zu fragen, ob feines Porzellan vielleicht einfach noch deutlich leichter ist, als ich es in Erinnerung habe. Aber das ist es nun einmal nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der Boden war bedeckt mit feinem, wei\u00dfem Staub und darauf ruhte eine h\u00fcbsche, zierliche Porzellanpuppe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ich habe mich tausendmal im Kreise der Familie daf\u00fcr entschuldigt, dass das komplette gute Geschirr beim Umzug offensichtlich zu Bruch ging und wir so leider mein normales nutzen m\u00fcssen \u2013 Gott sei Dank hatte ich die Kiste nicht geerbt! Drei Mal habe ich im Laufe des Kaffee und Kuchens verstohlen meine Tasse wie aus Versehen herunter geworfen, einmal sogar aus dem Fenster und sieht man davon ab, dass man mich jetzt f\u00fcr herausragend ungeschickt h\u00e4lt, blieb alles heil.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Puppe ist nicht mehr auf dem Dachboden, sie ist im K\u00fcchenschrank, wo sie scheinbar ihren Platz haben soll. Vielleicht ist das Alles ein Scherz meines Begleiters und der Rest Zufall und Einbildung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Aber meine Fantasie reitet auf dem Nordseewind durch diesen Tag und ich zwing sie auch diese Nacht nicht heim.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann sie vom Fenster aus sehen zur Essenszeit. Eine d\u00fcrre Frau im Regen, die Arme in ihren langen Mantel verkeilt. Sie sieht durch die Fenster, von ferne, sie kommt ihnen nicht zu nah. Sie starrt auf die Tische, voller Sch\u00fcsseln und Teller und Tassen und Schalen. Man k\u00f6nnte sie f\u00fcr eine hungrige Obdachlose halten. 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