﻿{"id":187,"date":"2016-02-19T22:43:20","date_gmt":"2016-02-19T21:43:20","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.im-geisterhaus.de\/?p=187"},"modified":"2016-02-19T22:43:20","modified_gmt":"2016-02-19T21:43:20","slug":"nebel-am-eisernen-steg-22","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/geschichten.im-geisterhaus.de\/?p=187","title":{"rendered":"Nebel am Eisernen Steg 2\/2"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Es gibt wenig Farbe in diesen Stunden, aber es gibt sie wenigstens. Das Gras ist gr\u00fcn, ich sehe es, wenn ich darauf gehe, aber es vergeht so schnell und vermischt sich mit dem farblosen Nebel und es ist schwer, die Erinnerung daran aufrecht zu halten. Waren die Enten rostrot, oder war das nur im Bild?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Bei der Blutbuche bleibe ich beinahe zu lange. Ich zeichne ihr Bild auf den M\u00fclleimer an der Bank davor und versuche mir vorzustellen, wie sie bei Wind aussehen w\u00fcrde, versuche, die Dynamik ins Bild zu bringen, gerade so, wie ich einen Sturm in Erinnerung habe. Das vermisse ich so\u2026 Luft, die \u00fcber mein Gesicht streicht, \u00fcber meine Arme, die kalt in meinen Lungen ist, warm und stickig, oder nach Bl\u00fcten duftet, nach der nassen Stra\u00dfe, nach Menschenmassen. Atmen! Atmen w\u00e4re so herrlich!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Ich kann es mir nicht gut genug vorstellen, irgendetwas fehlt in meinem Bild, ich wei\u00df, es ist noch nicht richtig, aber ich muss weiter.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Ich gehe halb getrieben, halb gezogen, pfl\u00fccke etwas Gras von dem schmalen Gr\u00fcnstreifen und sch\u00fcttele den Tau davon ab. Wie sch\u00f6n die Welt ist, habe ich fr\u00fcher nicht wahrhaben wollen und jetzt gibt es nicht gen\u00fcgend Fl\u00e4chen, um alle Bilder aufzunehmen, die ich malen m\u00f6chte. Malen muss?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Und dann erreiche ich die Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Hier ist noch kein Nebel, ich k\u00f6nnte ans andere Ufer laufen, das im Dunkeln liegt und ich renne auch, aber nur bis zur H\u00e4lfte, dann stoppe ich, beuge mich nach vorne und st\u00fctze meine H\u00e4nde gegen die Oberschenkel, als w\u00e4re ich au\u00dfer Atem \u2013 bin ich irgendwie ja auch\u2026 Ich sehe zur anderen Seite. Steht da jemand und schaut zu mir her\u00fcber?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Ich wende mich ab, weiter m\u00f6chte ich nicht. Ich bin noch nie hin\u00fcber gelaufen. Es ist vielleicht albern: Ich glaube, von dort f\u00fchrt kein Weg zur\u00fcck und ich bin mir nicht sicher, ob es mir dort gefallen w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Stattdessen trete ich an das Gel\u00e4nder, an dem gewisserma\u00dfen meine inspirierte Phase ihren Anfang nahm. Ich schau hinunter und h\u00f6r das Wasser locken. Immer noch, nach dem ich ihm so viel gegeben habe\u2026 Ich muss bald zur\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">War es falsch damals? Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich dem Wasser nicht nachgeben sollen. Ich h\u00e4tte wegh\u00f6ren k\u00f6nnen, mir Hilfe suchen. Einfach weiter atmen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Das leichteste von der Welt\u2026<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Die Br\u00fcckentr\u00e4ger rechts und links von mir zeugen von den Spuren, die ich bei jedem Spaziergang hier hinterlasse. Sie machen sie weg, aber ich mal einfach ein neues Bild. Immer tiefer dringt der Rost. Nimmt mich jemand wahr? Sieht jemand die kitschigen Zeichnungen des Mainufers, oder die dramatischeren eines Schattens, der sich in die Fluten st\u00fcrzt? Oder rei\u00dfe ich irgendwann L\u00f6cher in den Tr\u00e4ger und sie werden es Materialerm\u00fcdung nennen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Der Nebel r\u00fcckt n\u00e4her, er hat mich an meinem Platz am Gel\u00e4nder l\u00e4ngst eingeschlossen. Dann verschwindet meine Aussicht, kurz nachdem ich mit meinen Fingern die letzten Linien gezogen habe. Ich vermisse jetzt schon die Farben. Jetzt sind nur noch ich und mein Bild auf dem Gel\u00e4nder da. Es zeigt das Letzte, was ich sah. Ob den letzten Ausblick gerade eben, oder von damals kann ich jetzt schon nicht mehr sagen. Was mache ich hier? Ich wei\u00df es nicht. Vielleicht bin ich hier, weil ich es nicht wei\u00df? Ist es Lehre? Belohnung? Bestrafung?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Ich wei\u00df es nicht, ich wei\u00df nichts mehr. Das Grau verwischt alles und von ihm verschlungen zu werden ist wie fr\u00fcher schlafen war, oder sich sterben ganz kurz anf\u00fchlte. Es zieht mich zur\u00fcck ins Wasser und die Welt zerflie\u00dft mit dem Aufstieg der Sonne. Die Stadt erwacht und ich falle in einen D\u00e4mmerschlaf, warte auf das n\u00e4chste Mal. Wenn die Welt wieder stillsteht und ich im Nebel wandern kann.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt wenig Farbe in diesen Stunden, aber es gibt sie wenigstens. Das Gras ist gr\u00fcn, ich sehe es, wenn ich darauf gehe, aber es vergeht so schnell und vermischt sich mit dem farblosen Nebel und es ist schwer, die Erinnerung daran aufrecht zu halten. Waren die Enten rostrot, oder war das nur im Bild? 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